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Auf der anderen Seite!

Inmitten des Galatzó-Trails
März auf Mallorca; nicht wie die meisten anderen Urlauber auf dem Rad verbringend und um Frühform ringend, sondern eher das Gegenteil. Nach einigen guten Trainingswochen entspannte Tage verbringen, Wandern, Sightseeing... eine Woche lang keinen Meter laufen.

Die ersten beiden Nächte verbringen wir in Palma, eine wirklich sehens- und lebenswerte Stadt mit viel Kultur, gutem Essen und einladenden Shops. Doch Sonntag ziehen wir schon frühmorgens Leine; der Halbmarathon durch Palma mit fast 2000 Startern verjagt uns aus der Stadt. Uns zieht der sonnige Tag in die Tramuntana, der Gipfel des Galatzó mit seinen 1027 m ist unser Ziel. Ein schöner Rundweg mit Abstecher auf den Gipfel verspricht eine entspannte Wanderung bei traumhaften Bedingungen. Ein drahtiger Mountainbiker zieht mühsam an uns vorbei - wir hatten ihn bei der Anfahrt kurz vor dem Parkplatz bereits überholt, dafür lassen wir eine Wandergruppe rasch hinter uns, der Berg gehört nun uns. So denken wir zumindest, bis mir rot-weiße Bänder und Wegmarkierungen auffallen. Da war wohl vor kurzem ein Bergrennen, denke ich mir und werde wenig später eines Besseren belehrt. Denn an einem kleinen Unterstand wird es laut und quirrlig... ein Verpflegungsstand wird soeben mit Getränken bestückt.

Ein Trailrennen würde hier heute stattfinden, werden wir belehrt und auf die möglichen "Gefahren" hingewiesen. Und wenig später stecken wir auch schon mitten im Renngeschehen. Wir haben wohl die Spitze des Rennens verpasst, doch schließt von hinten eine Trailrunnerin zu uns auf... wir lassen sie passieren, feuern an. Wenig später die erste kleine Gruppe, unsere Anfeuerung ist ihnen sicher. Und so geht das erst im Minutentakt und dann immer häufiger. Ruhe verschaffen nur die steileren Abschnitte, da sind wir nämlich kaum langsamer als die Wettkämpfer, Überholungen also seltener.
Gipfelsturm?
Warum wusste ich nichts von Rennen? Die Erklärung ist relativ einfach:

Ich suche in der Regel nur Ultratrails ab, da werde ich bei Marathondistanzen nicht fündig. Und so ist mir der Galtazó-Trail durchgeschlüpft. Wäre ich mitgelaufen, hätte ichs gewusst? Vielleicht! Zum Saisoneinstieg wäre das Rennen perfekt gewesen, viele Höhenmeter, kurze Distanz. Und die Strecke ist wirklich schön.

Wenig später bekomme ich genau diese Frage laut gestellt. Wieder einmal werde ich überholt, schaue dem Läufer hinterher, er dreht sich um, sieht mich an... ich kenne ihn, er mich auch... "Dieter, bist Du es?" - "Oliver?" - Warum läufst Du nicht mit?

Witzig... mit Oliver war ich früher Zugläufer beim Metropolmarathon und kenne ihn praktisch seit den Anfangsjahren meiner Laufkarriere. Dass wir uns ausgerechnet auf Mallorca mal wieder über den Weg laufen, ist natürlich Überraschung pur. Als er sich wieder auf den Weg macht, gucke ich ihm schon ein wenig neidisch hinterher...
Trailstau!
Wir stehen wenig später vor einem anderen Problem. Das letzte Stück zum Gipfel ist eine Pendelstrecke, sowohl für uns, als auch für die Läufer. Wenn wir also den Gipfel erwandern wollen, sind wir den schnellen Läufern beim Downhill genauso im Weg wie den langsameren, die uns ggf. überholen möchten. Macht das Spaß? Wir entscheiden auf "NEIN!" Ein wenig enttäuscht lassen wir also den Gipfel aus und setzen unsere Wanderung auf der Runde fort. Zum Glück hat der Gipfelweg das Feld mittlerweile mächtig selektiert und es kommen nur noch überraschend wenige Trailrunner von hinten herangeflogen. So endet unsere Tour doch noch entspannt.

Allerdings stellt sich mir letztendlich schon die Frage: Hätte ich nicht so viel für den Trailsport übrig, wie wäre es mir ergangen?

Würde ich Reinhold Messners Meinung teilen, dass Wettläufer nichts am Berg verloren haben?
Hätte ich mich über einen "verlorenen Tag" geärgert?
Wäre schon beim Aufstieg genervt, vielleicht etwas provokant meinen Weg gegangen, ohne Rücksicht auf die Wettkämpfer zu nehmen?

Oft genug schon war ich auf der anderen Seite, habe mich bei Wanderern bedankt, die mir den Weg freigemacht haben, mich ab und an - das gebe ich zu - über ignorante Menschen geärgert (aber wirklich nur dann, wenn der Weg eigentlich breit genug für ein Miteinander war), mich aber nie wirklich einfühlen könne, wie es einem als an sich Unbeteiligter ergeht. Jetzt habe ich eine Ahnung, wie es sich anfühlt. Der Schritt wird automatisch ein wenig schneller, die Aufmerksamkeit weicht vom eigenen Tun ab hin zum Geschehen hinter einem. Man lauert permanent in einer "Hab-Acht-Stellung", nur um Niemandem im Weg zu sein, letztendlich wirft man ggf. seine eigenen Pläne über den Haufen.

Eines ist sicher: Bei meinem nächsten Rennen werde ich noch rücksichtsvoller mit meinem Umfeld umgehen. Denn "Vorfahrt am Berg!" ist nicht selbstverständlich. So, wie ich Rücksichtnahme erwarte, kann sie auch mein Gegenüber erwarten, auch wenn dieser nicht am Renngeschehen beteilgt ist. Das Ausweichen der Wanderer - so erlebe ich es in der Regel - ist keine Pflicht sondern Höflichkeit, die entsprechend zu honorieren ist.

So hat eine leider verkürzte Wanderung doch noch eine lang andauernde Nachwirkung!
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