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Defi des Seigneurs

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Im Flow durch die Vogesen

Sonne - Steine - Sieger! Selbst ohne Platzierung auf dem Podest!
Nach dem "Petit Ballon" bin ich an diesem Wochenende schon zum zweiten Mal in diesem Jahr jenseits des Rheins unterwegs. In Frankreich "kann man einfach Trail", das geschieht mit der in Frankreich beheimateten Leichtigkeit. Ich habe den Verdacht, in Frankreich macht sich niemand Gedanken darüber, ob es nun ein Trail ist, ob die Wege dazu schmal genug sind, ob dafür Stöcke nötig oder erwünscht sind, ob... ob... ob...

Eine Herausforderung "für den Herrn" ist der Lauf tatsächlich. 74 km schlängelt sich die Route durch die Buntsandsteinvogesen im Elsass. 2700 hm sind dabei zu überwinden, nicht in den wenigen langen Anstiegen der Alpen, sondern in vielen kleinen Wellen, die oft nur wenige Meter in der Amplitude beschreiben. Die ständigen Tempowechsel kosten Kraft, machen allerdings auch mächtig Spaß. Es wird nie langweilig, selbst wenn zwischen zwei Trailabschnitten mal wieder eine längere Forststraße die Verbindung herstellt.

Wem ein Lauftag nicht genug ist, dem kann geholfen werden. Sonntags starten noch einmal Rennen, diesmal über 26 bzw. 58 km, die natürlich jeweils einzeln, aber auch in Kombination mit dem Rennen vom Samstag gewertet werden. So kann jeder seine Grenzen erfahren bzw. -laufen. Mir genügt die "normale" Runde, 74 km passen als Vorbereitung auf die alpinen Rennen, die ich mir im Sommer vorgenommen habe. Oft ist weniger mehr, bin ich mir sicher; ich möchte vor allem Freude erleben und mich weniger an meinen Qualen ergötzen.

Ich reise rechtzeitig am Vorabend nach Niederbronn zum Startort (soll ja nicht immer so sein), besorge mir unterwegs noch zwei Trinkflaschen, nachdem ich meine zuhause vergessen habe und checke nach dem unkomplizierten Abholen der Startunterlagen in einem netten Hotel direkt im Ort ein. Frühstück gäbe es um 6 Uhr meint die Dame am Empfang, es wären schon viele Läufer hier. 6 Uhr ist mir ein wenig spät, zum Glück habe ich mein vertrautes Frühstück dabei, samt Wasserkocher, Teebeutel und was mein Herz sonst begehrt.
Nach einem Frühstück im Bett bin ich am nächsten Morgen entspannt und ausgeschlafen am Start. Parkplätze sind genug vorhanden, auch für die etwas später Ankommenden. Ein kurzes Pläuschchen mit den Jungs vom AMULT-Laufteam habe ich noch Zeit, bevor ich mich startklar machen muss. Laufschuhe an, Rucksack überprüft und aufgesetzt - kurz überlegt, ob ich nicht zu kalt oder warm angezogen bin und dann ab auf den Sportplatz. Es soll sonnig werden, doch auch windig sein, ich entscheide mich also für eine zweite Lage unter dem Laufshirt.

Die ersten 400 m sind auf der Laufbahn zurückzulegen, so bleibt zumindest ein wenig Zeit, sich zu sortieren, bevor es schon nach wenigen Schritten auf einem schmalen Weg den ersten Berg hinauf geht. Den Startschuss verschlafe ich beinahe, was aber nicht schlimm ist. Mein Ziel suche ich heute nicht auf der Jagd nach Sekunden, ich will nur ein moderates, doch konstantes Tempo vom ersten bis zum letzten Kilometer durchziehen und alle Steigungen möglichst im Laufschritt bewältigen. Wobei ich die 250 Höhenmeter zum Cole de la Liese (Grand Wintersberg) ausdrücklich ausnehme. Sie sehen steil aus im Höhenprofil, zu steil so wenige Kilometer vor dem Ziel.

Ein wenig lästig und teils gefährlich sind die Stöcke, die viele Läufer mit sich führen, egal ob sie nun der Vordermann mächtig vor mir herschwingt, ohne Rücksicht darauf, ob die Spitzen nun nach unten zeigen oder nicht, oder ob sie - am Rucksack befestigt - an Ästen hängen bleiben und diese peitschenartig nach hinten schnellen lassen. Ich gebe also doch erst mal ein klein wenig Gas, versuche Stockträger möglichst weitläufig zu umgehen und hinter mir zu lassen.

Die ersten 10 km vergehen wie im Flug, die Strecke ist wenig spektakulär, was die Umgebung betrifft, ich konzentriere mich auf den Untergrund und meine Überholmanöver, denn noch hat sich das Feld nicht wirklich sortiert. Ein Läufer mit riesigem Rucksack überholt mich ständig, um dann prompt auch wieder zurück zu fallen. Ich wäre am liebsten ohne Rucksack gelaufen, den habe ich eigentlich nur für Wasser und ein wenig feste Nahrung dabei, da die erste Verpflegung rund 26 km auf sich warten lässt; überhaupt gibt es nur 4 Stationen auf der Strecke. Und natürlich trage ich meine Pflichtausrüstung - ich gebe zu, eher widerwillig - mit mir, also Rettungsdecke, Lampe, Pfeifchen und Mobiltelefon. Darauf hätte ich gern verzichtet, vor allem heute bei den stabilen Witterungsbedingungen.
Nordöstlich führt uns die Runde zunächst, von Niederbronn nach Lembach, dann nördlich bis fast an die deutsche Grenze. Dort beginnen die wunderschönen Buntsandsteinformationen, zahlreiche mit Burgruinen bestückt. Die Burgherren von damals sind die Namensgeber des Rennens von heute. Beeindruckend, wenn die oft schmalen, dafür umso höheren Blöcke und Türme im noch dünn belaubten Wald auftauchen und wir meist eng an die Felsen geschmiegt, gelegentlich von ihnen überdacht, daran vorbei huschen.

Gut erkennbar sind die Schichten, aus denen sich der poröse Sandstein aufgeschichtet hat, kühn modelliert von der Erosion aus Wind und Wasser (bzw. Eis). Das eine oder andere Fenster im Gestein öffnet den Blick über die Wälder der Täler, die Gegend ist fast zu schade, um nur eilig hindurch zu hasten. Vor allem eine kühne Treppe, die sich am Fels entlang in die Höhe windet, hat es mir angetan. Kurz zögere ich, bereit, sie zu erklimmen, dann siegt jedoch das Rennfieber, mir fehlt die innere Ruhe zu solch zeitaufwändigen Ausflügen.
Gut ist heute, dass die Strecke überwiegend im Wald verläuft. Zwar hat man deshalb nur selten Ausblicke in die Umgebung, doch es bläst ein eisiger Wind heute, der zum Glück nur in den Höhen für teils unangenehme Kälte sorgt. Doch immer wieder bringt mich dann die durch die lichten Baumwipfel scheinende Sonne auf angenehme Temperatur. Insgesamt verlassen wir den Wald nur eher selten, durchqueren insgesamt 3 Orte, Lembach, Obersteinbach und Dambach. Auf Zuschauer und Beifall braucht man also gar nicht erst hoffen, es sei denn, man hat seinen eigenen Fanclub mitgebracht. Doch auch der hätte sicher so seine Probleme, regelmäßig an die Strecke heranzukommen.

Nach 44 km endlich die zweite Verpflegung, Wobei ich nicht viel zu mir nehme; ein paar Stücke Banane, ein wenig Salzgepäck und Flüssigkeit natürlich. Das genügt, vor allem weil danach Versorgungsstände in wesentlich kürzeren Abständen folgen. Mit meinem recht kurzen Stopp löse ich mich auch von Jürgen. Er kommt gemeinsam mit seinem Partner Simon aus Bretten. Während sich sein Kumpel bereits nach Vorne verabschiedet hat, quält sich Jürgen mit Schmerzen über die Strecke und motiviert sich, indem er mir auf Schritt und Tritt folgt. Mich stört das nicht, im Gegenteil, doch jetzt muss er seinen Problemen langsam aber sicher Tribut zollen. Viel Bewegung ist im Läuferfeld mittlerweile sowieso nicht mehr. Über weite Strecken bin ich nun allein unterwegs, erst zum Ende des Rennens rücke ich vermehrt wieder auf Läufer auf und kann überholen. Offenbar stimmt die Renneinteilung. Sogar meinen vorab gefürchteten Anstieg zum "Grand Wintersberg" nehme ich anfangs laufend, kann und will dies allerdings nicht voll durchziehen. Allerdings gönne ich mir an der letzten Verpflegungsstelle nur eine kurze Pause, mache mich stattdessen gleich an den Abstieg.
Die letzten 9 km, fast durchgängig bergab, gefallen mir noch einmal richtig gut. Der Weg verläuft wellig auf schmalem Trail immer am Hang entlang. Eigentlich genau richtig für die schon müden Knochen, wobei trotzdem immer noch ein wacher Kopf gefragt ist, denn wer ins Stolpern gerät, hat im dichten Gehölz direkt am Hang kaum Auslaufzone. Das wird mir bewusst, als ich einmal kurz ins Straucheln gerate. Doch da kann ich mich gerade noch retten, nicht wie ein paar Stunden früher, als ich einen Stein übersehe, ins Straucheln gerate, an einer herausstehenden Wurzel hängen bleibe und ziemlich hart aufschlage. Der Vorfall hinterlässt eine ziemlich heftig blutende Wunde am kleinen Finger und eine Schulterprellung, die sich allerdings erst rund 24 Stunden später schmerzlich bemerkbar macht.

Doch selbst der Sturz kann meinen Flow heute nicht bremsen, heute stimmt alles. Ich habe keinerlei Schwächephase auf der Strecke, laufe immer "auf Zug", ohne mich dabei zu überfordern. Das Wetter ist beinahe ideal und die Strecke nach meinem Geschmack, wellig, viele Höhenmeter, doch keine langen und steilen Abschnitte, abwechslungsreich und selektiv eben; Läuferherz, was willst Du mehr. Ich könnte wohl zu jeder Zeit noch eine Schippe drauf legen, sogar gegen Ende des Rennens. Ein Blick in die Ergebnisliste später wird mir zeigen, dass kaum ein älterer Athlet vor mir ins Ziel kam. Kurt - der gleiche Jahrgang wie ich - hatte schon beim Petit Ballon 10 Minuten Vorsprung im Ziel, diesmal werden es 12 Minuten werden, was will ich mehr?

Entsprechend beschwingt laufe ich dem Ziel entgegen, bin fast ein wenig traurig, dass es schon vorbei ist. Eine letzte Schleife um die Mehrzweckhalle, in der sich das Ziel befindet. Praktisch, das Wetter hätte ja nicht so gut und trocken sein müssen. Genussvoll überquere ich die Ziellinie, ein kurzes Interview mit dem Sprecher, das wars. Naja, nicht ganz, denn die Massage ist der absolute Geheimtipp, die Duschen sind warm und die scharfe Bratwurst schmeckt auch, das After-race-Programm ist also perfekt. Nacheinander trudeln dann Frank, Erwin, Jürgen usw. ins Ziel, alle haben ein Strahlen und Lachen im Gesicht. Jeder ist beschwingt und begeistert.
Fast bekomme ich doch noch Lust darauf, die 58 km morgen anzuhängen, wobei die Lust vermutlich max. bis zum ersten Berg angehalten hätte. Ich muss ja nicht noch zum Helden werden, oder?
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