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Sanctuary 50

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Sanctuary 50
Eine Autobiographie in 8 Std. 40
Donnerstag, 13. Juli 2017!   Ich bin unterwegs auf der A9 Richtung Süden, auf dem Weg nach Hundham. Hundham kennt niemand, außer mir. Hundham ist ein kleiner beschaulicher Ort im Landkreis Miesbach, keine Industrie, dafür riesige Weiden und ein 700 Jahre alter Landgasthof. Ich reise von Nürnberg aus an, die Strecke kenne ich aus dem Effeff: Das Altmühltal mit dem Kindinger Berg, mittlerweile längst entschärft, doch 1969 war der Berg eine echte Herausforderung, als wir uns zu fünft im 30-PS-starken VW Käfer vollgeladen mit Urlaubsgepäck zum ersten Mal auf den Weg nach Hundham machten.

Damals fuhren wir noch mitten durch München und ich hielt gespannt Ausschau nach dem Olympiaturm - eine Sensation, gerade für mich als Kind; erst später fuhren wir auf der Ostumfahrung um München herum. Dann konnte ich auch nicht mehr die Bauarbeiten am Olympiagelände bestaunen. Hinter München verließen wir die Autobahn stets bereits an der Ausfahrt Weyarn, denn am Irschenberg war Stau, den wollten wir meiden.

All das ist mir noch immer präsent, ins Gedächtnis geprägt durch zahlreiche Urlaube. Und so erreiche ich - den Kopf voll mit Kindheitserinnerungen - das Leitzachtal, um samstags an Nawids Sanctuary 50 teilzunehmen, der ein Stück seiner Kindheit und vor allem der seiner Oma widerspiegeln soll.
KEIN Rennen ist wie dieses!
Kein Rennen in Deutschland lässt sich mit dem Sanctuary 50 auch nur annähernd vergleichen. Offiziell hat das Race 47,39 km und 4337 Höhenmeter im Auf- und Abstieg, überwindet 6 Gipfel. In weniger als 5 km sollen wir von 789 m auf 1759 m klettern, zuletzt ausgesetzt den leichten Klettersteig hoch zum Gipfel der Aiplspitz. Wer die 30 Meter Höhendifferenz zum "Vertical Kilometer" vermissen sollte, der muss sich gedulden. Den 1838 Meter hohen Wendelstein erreicht man zwar erst als fünften Gipfel und nach 6 km Anstieg, dafür hat der 1040 Meter Höhenunterschied. Davor liegen noch der Hochmiesing mit 1883 m, die Rotwand, als Dach der Tour mit 1884 und der "beschauliche" Seeberg mit 1538 m. Als Dessert serviert uns Nawid als 6. Gipfel noch den Breitenstein, 1622 m hoch.

Die Berge kenne ich alle, seit meiner Kindheit. Im Alter von sechs Jahren war der Breitenstein wohl mein erster Gipfel des Mangfallgebirges, den ich besteigen durfte. Es folgten zahlreiche andere Gipfel, das "DÜRFEN" wandelte sich im Laufe der Zeit in ein "MÜSSEN"! Welcher Teenager hat schon Lust, nach den Ferien von seinem Wanderurlaub in den bayrischen Voralpen zu berichten, wenn alle Freunde von Jugoslawien, Griechenland oder zumindest Italien erzählten? An Ostern, Pfingsten, im Sommer war ich dort, selbst im Winter. Am "Raffelmoos" am Fuße des Breitensteins habe ich meine ersten ungekonnten Schwünge in den Schnee gezogen, vom kleinen Skilift in Geitau könnte ich Geschichten erzählen und ab und an durften wir auch hoch zum Sudelfeld direkt neben dem Wendelstein.

Apropos Wendelstein! Der war für uns tabu. Einen Berg, der mit Seilbahn erreichbar war, hat mein Vater nicht bestiegen. "Da treffen wir dann oben die 'Turnschuhtouristen' und die Frauen in Stöckelschuhen". Nein, das ging gar nicht. Und so blieb mir als Kind der einzig halbwegs bekannte Gipfel des Wendelsteins verwehrt. Nicht mal mit dem konnte ich bei meinen Freunden angeben, denn von der Wetterstation des Wendelsteins hörte man früher öfter im Radio.
Vom Auf und Ab des Sommer 2017
Der Sommer 2017 hat es in sich. Als ich vor ein paar Tagen packte, war es sommerlich warm, die Delle in den Wettervorhersagen fürs Wochenende nahm ich nicht recht ernst, dumm nur, dass sie gerade am Renntag in einen richtigen Einbruch ausarten sollte, mit nächtlichen Temperaturen im einstelligen Bereich selbst im Tal, mit Regen und nur sporadisch etwas Sonne. Doch zum Glück bin ich von Haus aus in der Regel für alle Spielarten des Wetters gerüstet, nur eine lange Laufhose hätte ich dieses Mal tatsächlich nicht mit im Gepäck gehabt.

Mit Nawid erkunde ich freitags während einer kurzen Regenunterbrechung schon mal unseren V-Punkt auf der Niederhofer Alm, darf die zünftige Brotzeit testen, die uns Sennerin Verena morgen servieren will. Mir ist klar: Ich werfe meine sonstigen Ernährungsgewohnheiten über Bord; die Brotzeit mit Käse, Speck, Gurke und Salzbrezeln wird mitgenommen, dazu gibts Alkoholfreies, für den der mag. Nach knapp der Hälfte der Distanz sollte der Hunger bereits groß genug sein, um alles vernichten zu können.

Kaum bin ich zurück am Auto, regnet es wieder, nahezu ununterbrochen, bis in die Nacht und am nächsten Morgen, den schlimmsten Regenschauer erlebe ich auf der Fahrt zum Start, gedanklich überlege ich schon Alternativen... Absage, verspäteter Start... doch wir haben Glück. Pünktlich zum Start hört es auf zu regnen, die wasserdichte Jacke bleibt vorerst verstaut im Rucksack.
Im Flow!
Mit einem Gruppenphoto und einem "Jetzt dürft Ihr loslaufen" schickt uns Nawid auf die Strecke, da Dåsige vorneweg, ich als Zgroàsdà hinterher, dicht gefolgt von Andreas - Organisator des Schönbuch Ultras. Diese Reihenfolge soll lange so Bestand haben, vorübergehend gesellt sich Eric zu uns, aber sonst tut sich nicht viel an Positionskämpfen, wie auch, wir sind ja auch nur zu neunt gestartet. Das Feld ist also auf einen Blick überschaubar und schon auf den ersten Metern hoch zur Aiplspitz gesprengt.

Die Aiplspitz, einer der wenigen Berge der Region, den ich noch nicht bestiegen habe. Meine Mutter war nicht schwindelfrei und auf den Gipfel führt nur ein leichter Steig, nichts für meine Mum und auch heute eine Herausforderung. Bei Wind, Nässe und Kälte sind die Schuhe rutschig und der ab und an nötige feste Griff mit den Händen unsicher. Gut, dass im dichten Nebel auch der Abhang verborgen bleibt, den es unweigerlich bei einem Fehltritt hinunterginge.

Der teils seilversicherte Abstieg hinunter zur Schnittlauchmoos-Alm geht in einen Grashang über. Fast verpasse ich den kaum erkennbaren Pfad, der vom Grat steil links abfallend hinunter zum Naturfreundhaus führt. Eric, Andreas und ich im Wettlauf mit dem Jungvieh, wir verlieren, sind froh, rechts hoch zum Miesingsattel abzweigen zu dürfen, denn galoppierende Kühe zu überholen ist nicht gerade einfach und ungefährlich.

Bergauf zum Miesing-Sattel und Hochmiesing setze ich meine Begleiter ein wenig unter Druck, spure im schnellen Schritt voran. Wir überholen Felix und Nawid, die sich gerade beim Aufstieg zum Sattel befinden, um dort in exponierter Lage die erste Verpflegung auszubauen. Ich beneide die Beiden nicht, denn nicht nur Manfred "da Dåsige" pfeift mich hier oben fast aus der Spur, sondern auch ein garstiger Wind, garniert mit einer Ladung Hagelkörner.
Durch Nebel und Sumpf am Miesingsattel
Wie ein Indianer, durch Latschenkiefern schleichend, nähere ich mich unserem nächsten Gipfel, der Rotwand. Ein Ast zieht mir im Lauf Stirnband mitsamt der Brille vom Kopf, die Suche danach bleibt lange vergeblich, bis Andreas Beides am Rucksack hängend für mich findet. Weiter gehts! Schnell über den Gipfel - zu sehen gibt es sowieso nichts und hinüber zum Rotwandhaus. Auch das erahne ich nur schematisch in der Suppe, die mich umgibt. Heißt ja nicht umsonst Nebelwand, der kleine Gipfel, den ich auf dem Downhill links liegen lasse.

Bergwacht-Hütte, Soin-Alm, ein sumpfiges Loch, Soingraben und links weg zur Niederhofer Alm, dumm nur, dass sich auch das in Strömen zu Tale schießende Wasser genau diesen Weg aussucht. Da kommt mir Verenas Jause gerade recht. Mit Lust und Appetit biege ich die wenigen Meter vom Weg ab und trete in die urgemütliche kleine Stube. Verenas Bruder schenkt mir das Bier ein, während die Sennerin selbst mit dem leckeren Brettl aus der Kuchl tritt. Ich wäre der Erste, meint sie, Manfred hat also ausgelassen. Selbst Schuld!
Seeberg, Wendelstein und Breitenstein
Ich habe keine Ahnung, ob mich während meiner Brotzeit jemand überholt hat. Doch das lässt sich schnell kontrollieren. Das letzte Stück hoch zum Seeberg ist eine Pendelstrecke. Niemand kommt mir bergauf entgegen, doch bergab sehe ich Paul, Andreas und Eric. Vor allem Paul macht Druck und läuft an der Verpflegung unten in Bayrischzell auf mich auf. Er schwärmt vom "geilen" Downhill und hat damit Recht. Das waren 5 Kilometer zum genießen und nebenbei erhaschte ich sogar einen Blick ins Tal, zum ersten Mal an diesem Tag.

Die kurze Querung von Bayrischzell sind die ersten Asphaltmeter des Tages, doch gleich hinter dem Ort geht es schon wieder in den Berg, erst auf holprigem Schotterweg, später dann auf dem steilem König-Maximilian-Bergpfad, oben allerdings nicht rechts über die Zeller Scharte sondern links und dann unter der Seilbahn nach oben. Zuletzt ein paar Stufen und ich bin am Wendelsteinhaus. Dad, Du hattest unrecht, denke ich mir im Stillen: "Wir hätten uns nur schlechtes Wetter aussuchen müssen für unsere Bergtour auf den Wendelstein, dann hätten wir auch den Gipfel für uns alleine gehabt." Kaum ein Turnschuhtourist verläuft sich heute auf den asphaltierten Kurven hoch zum Gipfel mit dem Observatorium; wer tut sich das bei 3 Grad und dichtem Nebel auch an?

Auch ich halte mich nicht auf, cruise abwärts und biege in den Panorama-Weg ein, während sich Paul noch schnell auf den Weg nach oben macht. Er holt mich ein, als ich mich kurz verlaufe. Zwar wusste ich, dass es vom Panorama-Weg abzweigt, doch auf dem Hinweg konnte ich den dünnen Pfad erst mal nicht finden. Auch Paul fragt mich irritiert, ehe er mir überrascht in den steilen Downhill folgt. Die Zahnradbahn verpassen wir nur um Sekunden und ich verliere den schnellen Paul im Downhill aus den Augen. Der geht erst steil über Stock und Stein, später dann in herrlichen Serpentinen die Weiße Wand hinunter, Trails zum Träumen und Angeben, wenn man im lockeren Lauf an den entgegenkommenden Wanderern vorbei düst, immer im Gefühl, gleich abheben und entschweben zu können.

Wenig später ist auch Paul wieder da; er suchte vergeblich nach dem Trail im sog. Antrittgraben und findet ihn gerade so rechtzeitig, dass ich mir das Suchen ersparen kann, Danke Paul!

An der Antritt-Alm schöpfen wir Wasser und sehen von da aus schon hinauf zur kleinen Material-Seilbahn, wo Nawid und Felix auf uns warten. Ein letztes Mal gibts Verpflegung, während wir noch Manfred hinterher blicken, der schon auf dem Weg zur Kessel-Alm ist, er hat also genau den Aufstieg zum Breitenstein Vorsprung. 35 Minuten soll ich brauchen, an der Hubertus-Alm vorbei zum Gipfel und wieder zurück zu Nawid. Hinter mir ist noch niemand zu sehen. Paul hat Gas gegeben, was ich mir angesichts des bevorstehenden Südtirol Ultra-Skyrace tunlichst verkneife. Noch fühle ich mich so, dass ich die Runde auch ein zweites Mal laufen könnte und das ist gut so. Deshalb gab ich auf dem Gipfel Paul auch das Signal, er könne sich beim Downhill gerne Zeit lassen, da ich nicht vorhätte, ihn noch zu jagen. Wir umarmten uns kurz und verabredeten uns aufs Bier im Ziel, keine Ahnung, was sich die Wanderer oben auf dem Gipfel dabei dachten.


Der Rest ist schnell erzählt:

Den Abzweig entlang des Kothgrabens entdecke ich beim besten Willen nicht, dafür laufe ich den kleinen Umweg am Sattelbach entlang, unten im Tal der nächste kleine Verlaufer, doch jetzt kann mich schon nichts mehr aus der Ruhe bringen. Genüsslich laufe ich mit den ersten Sonnenstrahlen des Tages dem Ziel in Geitau entgegen. Außer zwei der Nässe geschuldeten Blasen bin ich völlig schmerzfrei und fühle mich auch nach 50 km und mehr als 4000 Höhenmetern noch frisch und kraftvoll. Ich hätte mir kein besseres Gefühl vor dem schweren Skyrace über die 2 1/2-fache Distanz wünschen können. Denn der heutige Tage konnte sich zwar von der Distanz her sicher nicht mit der Herausforderung in Südtirol messen, vom Anspruch her aber auf alle Fälle.

Im Ziel bekommt jeder Finisher eine schwere Medaille umgehängt, Siegerehrung hingegen gibt es natürlich keine, dafür ausreichend Getränke zum Durst löschen und einen gedeckten Tisch, um die geleerten Speicher wieder zu füllen. Und auch die Sonne lässt sich zunehmend sehen und spendet den erschöpften Körpern wieder Energie. Morgen wären ideale Bedingungen zum Laufen, verspricht die Wettervorhersage; doch echte Trail-Helden werden nicht bei Sonnenschein geboren.
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